Es gibt eine Krux für Führungskräfte. Das Kreuz, das sie tragen, wenn sie etwas versprochen haben. Wenn sie etwas in Aussicht gestellt haben. Wenn sie sich haben hinreißen lassen, etwas für die Zukunft vorherzusagen. Ein Versprechen, das nicht gehalten wird, ist wie ein Bumerang: das nicht eingelöste Versprechen kommt zurück.
Beispiele? Schauen wir nach Frankfurt an die Börse. Die Gewinnprognosen von börsennotierten DAX-Unternehmen haben konkrete Folgen, wenn sie nicht eingehalten werden. Schauen wir zu Bundeskanzlern wie Gerhard Schröder, der eine bestimmte Zahl genannt hat, an der er sich hat messen lassen, als es darum ging, die Senkung von Arbeitslosenzahlen als Leistungsversprechen zu geben.
Nehmen wir aktuell den Kandidaten der SPD für die Wahl in Schleswig-Holstein: Torsten Albig nannte als Ziel und damit als Versprechen, mindestens 35 Prozent zu erreichen. Nun ist er bei 30 Prozent gelandet und seine Glaubwürdigkeit hat einen unangenehmen Kratzer bekommen. Schauen wir die an, die ein neues Werk bauen wollen und das auch sagen. Sehen wir nach Hamburg, wo die Elbphilharmonie nicht fertig ist, es gleichwohl sein sollte; Termin um Termin der Fertigstellung nach hinten geschoben wird, die Arbeiten nun weitgehend ruhen. Schauen wir auf Einstellungsdebatten in Unternehmen, die Hoffnungen, die von ihnen ausgehen und die erreicht, die daran glauben wollen, dass im nächsten Jahr mehr eingestellt wird.
Versprechen Führungskräfte Gehalts- und Lohnerhöhungen und halten das nicht ein, demotiviert das und ist kaum wieder einzufangen.
Versprechen sind so eine Sache. Meine eigene Tochter achtet haarklein darauf, dass ihr Vater seine Versprechen einhält. Sie baut, sie setzt, sie verlässt sich darauf, dass das, was ihr Vater als Versprechen definiert, von ihm auch umgesetzt wird.
Versprechen abzugeben ist für uns Menschen wichtig. Der, der das Versprechen erhält, vertraut darauf, dass dessen Inhalt umgesetzt wird. Wenn es dramatisch wird, hängt manchmal sogar ein Stück Leben davon ab. Menschen brauchen Versprechen, weil sie damit wieder einen Schritt nach vorn gehen können; weil das Versprechen ihnen Kraft gibt, die Zukunft, die nahe und die ferne, zu meistern. Versprechen sind, da sie häufig einem Schutzbefohlenen gemacht werden, der Belegschaft, der eigenen Anhängerschaft, ein starkes Instrument in der Hand einer Führungskraft, sei sie Vater oder Vorstandsvorsitzender eines DAX-Unternehmens oder Bundeskanzlerin oder Bundeskanzler. Versprechen sind sogar eine Waffe in einem Kampf: Wir werden siegen, das verspreche ich Euch. Versprechen sind ein Kundenbindungsinstrument; wer sie einhält, hält den Kunden.
Wenn Versprechen nicht gehalten werden, also im Sinn der Adressaten gar gebrochen werden, wenn sie ins Gegenteil gekehrt werden, wenn das, was man versprochen hat oder einem was einem versprochen wurde, nicht eintritt, sondern alles schlimmer wird?
Dann haben alle Führungskräfte ein Problem. Häufig kein kleines. Häufig ein großes. Was ist zu tun?
Es ist nachzudenken und zu überlegen, wann eine Führungskraft wem wie ein Versprechen unterbreitet.
Meine Tochter und ich haben alle Versprechen eingehalten. Alle, wirklich alle? Ja, ich glaube, ich kann sagen, alle. Wie das ging?
Die Kommunikation geht so für den, der das Instrument Versprechen klug einsetzen will: Bevor der Vater oder wer auch immer ein Versprechen eingeht, gibt es eine Menge an Wörtern, die unterhalb der Bedeutung eines Versprechens funktionieren: Ich stelle Dir in Aussicht…, ich versuche, das hinzukriegen…, ich bemühe mich, Deinen Wunsch zu erfüllen…, ich werde darüber nachdenken, wie ich damit umgehe…, wenn das so weiter geht und wenn das sich so weiter entwickelt, werde ich vielleicht in der Lage sein, das einzulösen… – und so weiter.
Wer leichtfertig ein Versprechen eingeht, handelt leichtfertig. Es ist Tiefenschärfe notwendig, damit man, bevor man ein Versprechen eingeht, mit der Sprache sorgfältig arbeitet und in der Tiefe die richtigen Wörter findet.
Wer Tiefenschärfe besitzt, kann viel Gutes sagen, bevor er das Band des Versprechens knüpft und daran vielleicht aufgehängt wird, sich die Schlinge des nicht eingelösten Versprechens um den Hals zuzieht.
Schröder hatte sich hinreißen lassen. Warum? Ein Kennzeichen, ein Versprechen ungewollt einzugehen, ist, dass Druck aufgebaut wird: von der Belegschaft, von den fragenden, den drängenden Journalisten, von sich selbst, weil man ein guter Mensch sein will, der Menschen mit Hilfe eines Versprechens froh, vielleicht gar glücklich machen will.
Disziplin ist gefordert, eine beinharte Disziplin, sich nicht hinreißen zu lassen – und die Fähigkeit, die Sprache und die Wörter in jedem Moment, und sei er auch noch so emotional, sorgfältig zu wählen und einzusetzen.
Wer auf der Betriebsfeier nachts um zwei Uhr auf die Gehaltserhöhung angesprochen wird, wer dann leutselig ist und die Erhöhung verspricht, der ist ein wenig verloren am nächsten Morgen und in der nächsten Woche, weil das Versprechen in der Luft hängt, und das Einlösen gefordert wird.
Im Kern will ich heute damit beschreiben, wie wirksam und wie unheilvoll ein Versprechen sein kann. Es zeigt, wie stark, wie genau und wie diszipliniert Führungskräfte sein müssen, wenn das nicht eingelöste Versprechen nicht wie ein Bumerang zurückkommen soll.
Es hilft, dann einen Pressesprecher zu haben, einen PR-Berater, einen Kommunikationsexperten, eine Ehefrau, die bremst, die warnt, die formuliert, die die Tiefenschärfe der deutschen Sprache beherrscht, damit das Versprechen nicht bricht, weil sie wissen, dass die Führungskraft nach einem uneingelösten Versprechen ein wenig, ein wenig mehr stürzt und sich eine blutige Nase holt.
Wer, das zum Schluss, das Versprechen gut nutzt und bewusst damit umzugehen gelernt hat, der ist in der Lage, das Versprechen als äußerst starkes Werkzeug einzusetzen.
Dort müssen wir alle hin. Dann entfalten sich Kräfte, die der Führungskraft auf starke Weise helfen.
Das ist ein Versprechen.
Lesen Sie diese Woche auch auf www.kluge-kommunikation.net: „So kam es zum Tag der Arbeit” und „Wenn das Wort zu viel gilt”. Hinterher ist man tatsächlich klüger.